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Die schüchterne Ann


Kurze Kindergeschichte für grosse und kleine Kinder, sowie viele weitere
Geschichten, Fabeln und Märchen, sowie Bücher- und Geschenk-Tipps.


Die schüchterne Ann

Es war einmal ein schüchternes Mädchen. Es hiess Ann, und es war so
schüchtern, dass es immer den Kopf senkte und auf den Boden schaute,
wenn jemand etwas zu ihm sagte. Und das nur, weil es Angst hatte,
jemand könnte sehen, dass es glühend rot wurde im Gesicht.

Ann mochte es nicht, wenn jemand sehen konnte, wie sie rot wie eine
Tomate wurde im Gesicht. Sie schämte sich dafür. Wenn das nur weg
ginge, dieses blöde Erröten nicht wäre, sagte Ann immer wieder zu sich.
Wieso immer ich? Die andern werden nie rot. Die haben es besser, sie
sind alle ganz ungezwungen und frei.

Ann leidete sehr darunter und spielte deswegen wenig mit anderen Kindern.
Meist blieb sie daheim und verbrachte die Zeit in ihrem Zimmer. Dort fühlte
sie sich wohl und sicher. Dort war niemand, der mit ihr sprechen wollte.
Dort konnte sie Bücher lesen und träumen.

Das war aber für Ann gar nicht immer nur schön. Denn eigentlich mochte
sie gerne mit anderen Kindern und Menschen zusammensein. Mit ihnen
spielen, reden und gemeinsam etwas unternehmen. Manchmal dachte sie
sogar daran, wie es wäre, wenn sie eine gute Freundin oder einen lieben
Freund hätte, wie die anderen Mädchen aus ihrer Klasse.

Was sollte sie nur tun? Das konnte doch nicht ewig so weitergehen. Oder
musste das so sein, dachte sie immer wieder.

Es war ein schöner Sommertag und die Leute waren alle beim Baden oder
auf dem Feld. Nur Ann hockte alleine daheim. Ihre Mutter merkte wohl,
dass sie unruhig war und sich zu nichts entscheiden konnte. Sie war klug
und sagte deshalb zu ihr: "Gehst du mir noch ein paar Sachen einkaufen
im Supermarkt Ann?"

"Ja klar", tönte es aus ihrem Zimmer und so schlenderte Ann den Weg
hinunter in den nahen Ort mit dem grossen Einkaufsladen. Es war ruhig
auf den Strassen, sie war in Gedanken versunken und sah den Radfahrer
nicht, der rasend schnell um die Ecke kam und sie beinahe überfahren
hätte. Erschrocken blieb sie stehen und schaute ihm nach. Das Herz ist
ihr beinahe stehen geblieben, so war sie aus ihren Gedanken gerissen
worden. Arschloch, dachte sie.

Am liebsten hätte sie es ihm ins Gesicht geschrien. Arschloch! - Das
hätte sie sich aber bestimmt nicht getraut, wäre er vor ihr gestanden.
In dem Fall war das aber auch gar nicht nötig. Denn als sie den Kopf
hob, stand er vor ihr und meinte: "Sorry, ich bin ein Arsch. Bin viel zu
schnell um die Kurve. Hast du dich verletzt?"


"Nein, nein, alles in Ordnung", stammelte Ann etwas unsicher. Sie wollte
rasch weiter. Könnte ja sein, dass sie rot wurde. Das durfte er auf gar
keinen Fall sehen. Wäre ja noch schöner, dachte sie.

"Darf ich dich einladen, zu einem Eis oder einem Kaffee? Ich würde mich
gerne entschuldigen damit. Sicher bist du sehr erschrocken. Wir könnten
da unten ins Café gehen. Ich bin allerdings etwas verschwitzt und sicher
habe ich einen tomatenroten Kopf, aber ich würde mich sehr freuen",
sagte er lächelnd.

Erst jetzt schaute Ann ihm direkt ins Gesicht und in der Tat, er war so
etwas von rot im Gesicht. Röter fast noch als eine Tomate. Aber es
strahlte. Seine Augen strahlten, sein Mund, sein ganzes Gesicht. Man
hatte das Gefühl sogar seine Haare strahlen. Die pure Lebensfreude kam
ihr entgegen, und sie musste nun doch ein wenig lachen.

"Und ich hatte schon Angst, mein Humor sei nicht angekommen", witzelte
er daraufhin. Beide lachten. Und sie lachten auch noch als sie gemeinsam
die Strasse hinunter liefen. Denn er machte noch weitere Spässe und
erzählte total lustige Sachen. Er habe so ein tomatenrotes Gesicht, damit
man die vielen Sommersprossen weniger gut sehen könne und damit er in
der Nacht schön leuchte und nicht überfahren werde.

Wie Ann hatte er rote Haare und viele Sommersprossen. Ob er denn
immer schon so humorvoll gewesen sei, fragte Ann als sie im Café sassen
und auf ihr Eis warteten.

Er wurde still und fragte nach einer Weile: "Wie heisst du eigentlich?"
"Ann, ich heisse Ann. Und du?" Sie schaute schüchtern hoch, ihm direkt
in die Augen. Er blinzelte ihr zu und lächelte: "Lars."

Sofort senkte Ann den Blick wieder und nuschelte dabei am Tischtuch
herum, damit er ja nicht sehen konnte, dass sie rot wurde. Er hat es aber
gesehen und meinte, er möge keine blassen Mädchen. Rote Wangen aber
finde er einfach unwiderstehlich. Und er fügte noch an, sie sei sehr hübsch.

"Wirklich?" fragte sie nach und nun getraute sich Ann ihm wieder in die
Augen zu schauen. Ein liebevolles Lächeln kam ihr entgegen. Eine Weile
sassen sie einfach nur still da und schauten sich in die Augen.

"Früher wurde ich übrigens auch immer rot", brach er nach einer Weile die
Stille. "Kaum mehr unter die Leute habe ich mich gewagt und immer wie
einsamer bin ich geworden und trauriger."


Jetzt begann er zu erzählen, und dass er sich deshalb so witzige Sachen
und Geschichten angeeignet habe. Durch den Humor sei das Problem viel
kleiner geworden. Er habe es nicht mehr so wichtig genommen. Am Anfang
habe er sich einfach gesagt: so, heute gehe ich unter die Leute und zeige
ihnen mal meinen tomatenroten Kopf. Der ist nämlich einzigartig und sicher
haben die noch gar nie so einen roten Kopf gesehen.

Sie lachten beide. Oder ich sagte mir, heute will ich mal wieder rot werden.
Aber so richtig rot. Nicht nur rosarot, sondern richtig feuerrot. Und bevor
ich nicht mindestens dreimal rot geworden bin, gehe ich nicht nach Hause.

Wieder lachten sie und schauten sich in die Augen. Und so verging die Zeit.
Ann musste ja noch für ihre Mutter einkaufen. Das wollte sie auf gar keinen
Fall vergessen, sonst sind die Geschäfte dann geschlossen. Die Zeit war
so schnell um, sie hatte es gar nicht bemerkt, weil sie so schön war.

Also sagte sie tschüss und bedankte sich fürs Eis. Er lächelte schon wieder
und ihr wurde ganz warm ums Herz.

Auf dem Heimweg lächelte sie auch und sprang in die Luft vor Freude.
So einen schönen Nachmittag hatte sie schon lange nicht mehr erlebt.
Ann freute sich und sie nahm etwas mit auf den Weg. Sie hatte Hoffnung,
dass es jetzt viel besser wird mit dem Rotwerden, weil es nämlich gar
nichts Schlimmes ist.

Auf jeden Fall aber träumte sie in dieser Nacht von Lars und bestimmt
wird sie ihn bald wiedersehen.


- © geschrieben von Monika Minder, 2011 -



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