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Die böse Grit


Kurze Kindergeschichte für gross und klein, sowie weitere Geschichten, Fabeln,
Märchen und Kindergedichte, Bücher- und Geschenk-Tipps.


Die böse Grit

Es war einmal ein Mädchen namens Grit.
Grit war wirklich fit.
Mit den Fäusten und im Kopf
So manchen zog sie schon am Schopf.


Grit war 14 und sie schlug und hänselte immer andere Mädchen in der
Schule. Manchmal sogar Jungs. Das Mädchen, das vor ihr am Pult sass,
kam besonders viel dran. Sie hasste es. Sie zog an ihrem Stuhl oder an
ihren Kleidern und an den Haaren. Das Mädchen drehte sich jeweils um
und sagte: "Hör auf. Hör endlich auf!" Aber Grit hörte nicht auf.

Grit war sehr gut in der Schule. Sie hatte immer Bestnoten, musste nur
wenig lernen und Hausaufgaben hatte sie meistens schon während der
Schule gemacht.

Anders ging es dem Mädchen vor ihr. Es hatte grosse Mühe in der Schule
mitzukommen. Schon zum zweiten Mal wurde es zurückversetzt. Und nun
wurde es auch noch von Grit gehänselt, so dass es sich nicht auf den
Unterricht konzentrieren konnte.

Grit war das aber egal. Wenn sie andere plagen konnte, dann fühlte sie
sich gross und besser. Sie hatte nie ein schlechtes Gewissen und fragte
sich deshalb auch nie, wieso sie das tat. Sie fand es einfach normal und
in Ordnung.

Bis eines Tages. Sie war gerade bei einer Klassenkameradin auf dem
Bauernhof zu Besuch und wollte unbedingt alle möglichen Sachen
ausprobieren. Zuerst fuhr sie mit einem alten Motorrad umher und
dann wollte sie auch noch auf dem Pferd reiten.

Das Pferd hatte kein Sattelzeug. Es wurde meist zum Acker pflügen
eingesetzt und nicht zum Reiten. Das war aber Grit egal. Sie wollte
reiten und wenn sie etwas wollte, dann wollte sie.

Das Pferd war sich nicht gewohnt jemanden auf dem Rücken zu tragen.
Es trabte nicht los, blieb bockig stehen. Grit trieb es an, schrie hü, hü
und schlug mit den Fersen in seinen Bauch. Jetzt bewegte sich das
Pferd und lief ein paar Schritte. Doch schon hielt es wieder an und
dann plötzlich ging es mit dem Kopf zu Boden, wie wenn es etwas
fressen wollte.

Darauf war Grit nicht gefasst. Sie hatte sich an der Mähne festgehalten
und diese rutschte ihr nun aus den Händen. Sie fiel vornüber auf die
linke Seite und schlug auf dem harten Steinboden auf. Sie schrie ganz
laut und schrie: Au, au, au..., mein Arm ist krumm, mein Arm ist krumm,
er ist sicher gebrochen.

Der Arm war tatsächlich gebrochen. Ganz schlimm gebrochen und das
tat höllisch weh. Sie schrie und schrie und schrie und man musste ihren
Vater anrufen, damit er mit ihr zum Arzt gehen konnte.

Dort bekam sie viele Spritzen, die taten auch höllisch weh und dann
musste der Knochen wieder gerade gebogen werden. Das ging aber
nicht, weil er immer wieder verrutschte und das tat ganz fest weh.
Grit schrie und schrie und irgendwann war sie total müde.

Der Arzt musste sie ins Spital überweisen und dort bekam sie eine
Narkose und so konnten ihre Knochen wieder gerade gerichtet
werden ohne dass sie so viele Schmerzen aushalten musste.

Als sie aufwachte sah sie nur einen grossen weissen Gips. Der reichte
von den Händen bis zur Schulter hoch und damit war sie jetzt ziemlich
eingeschränkt. Jedenfalls konnte sie keine Mädchen mehr verhauen.
Sie konnte aber noch mit bösen Worten um sich schlagen. Denn darin
war sie auch sehr gut.

Wieder in der Schule wollte sie einem Jungen sagen: halt die Klappe du
Klapperstorch, du blöder Esel. Dazu kam sie aber nicht mehr. Das Mädchen,
das vor ihr sass, kam auf sie zu und sagte: "Das mit deinem gebrochenen
Arm tut mir sehr leid. Das tut sicher sehr weh." Dabei überreichte es Grit ein
kleines Geschenk. Sehr schön eingepackt und mit einer schönen roten Schleife
umgebunden. "Ich wünsche dir gute Besserung", sagte es noch und drehte
sich um.

Grit war etwas verwirrt und konnte nicht sogleich reagieren. Sie schaute
auf das Geschenk und dann wieder auf das Mädchen, das bereits den Flur
entlang lief und bald in der Türe verschwunden war. Der Junge nutzte in
der Zwischenzeit die Gelegenheit und rannte in Sicherheit.

Grit stand eine Weile alleine da.

Dann lief sie nach Hause und ging in ihr Zimmer. Dort öffnete sie das
Geschenk. Ein kleines Büchlein kam hervor. Es war ein Tagebuch, schön
eingebunden in der Farbe, die sie am liebsten hatte. Blau war ihre
Lieblingsfarbe. Eine Karte war dabei, darauf stand: meistens hilft es mir,
wenn ich all meine Sorgen dem Tagebuch anvertraue. Vielleicht magst
du deine auch aufschreiben.

Grit nahm das Tagebuch in die Hände und strich mit den Fingern darüber.
Sie öffnete es und blätterte in den leeren weissen Seiten. Sie schien weit
weg zu sein mit ihren Gedanken.

Auf einmal nahm sie einen Stift in die Hand und schrieb die ersten Sätze
in das Tagebuch: "Meine Mutter ist nie zufrieden mit mir. Ich kann es
ihr nie recht machen. Sie nörgelt immer an mir herum. In ihren Augen bin
ich nur dumm und dick."

Ganz schnell klappte Grit das Tagebuch wieder zu, wie wenn sie etwas
Böses aufgeschrieben hätte. Sie versteckte daraufhin das Büchlein
an einem sicheren Ort. Das war jetzt ihr Geheimnis.

Die Mutter rief sie aus den Gedanken. Nachtessen war angesagt und Grit
ging in die Küche. Ihre Mutter zupfte an ihren Kleidern herum: "wie bist du
wieder angezogen Kind. Das sieht ja schlampig aus. Mach endlich, wasch
dir die Hände, deck den Tisch und hilf mir. Nach dem Essen musst du noch
alle Schuhe putzen und den Platz wischen und die Kleider kannst du auch
noch bügeln. Ich bin heute wieder sehr müde und muss mich hinlegen."

Grit war sich der befehlenden Worte und das Herumgezupfe an ihren Kleidern
gewohnt. Aber heute empfand sie den Ton der Mutter besonders abschätzig
und mit einer Handbewegung wollte sie ihr zeigen, dass sie das nicht mochte.

Normalerweise liess Grit sich das gefallen. Sie verhielt sich in ihrer Familie
unauffällig und ruhig. Sie versuchte alles, was ihre Mutter ihr an Pflichten
und Verantwortung übertrug, sehr gewissenhaft und möglichst perfekt zu
machen. Ein Lob hat sie nie erhalten. Im Gegenteil, ihre Mutter fand immer
wieder etwas, das nicht gut genug war.

An diesem Abend erledigte Grit ihre aufgetragenen Hausarbeiten sehr
schnell und verschwand danach in ihr Zimmer. Sie holte das Tagebuch
hervor. Sie dachte an die Worte von ihrer Klassenkameradin. Sorgen,
ja das hatte sie. Sie fühlte sich ungeliebt von ihrer Mutter.

"Meine Mutter mag mich nicht", schrieb sie in ihr Tagebuch.

Am nächsten Tag in der Schule war Grit sehr ruhig und in sich gekehrt.
Lust, sich zu prügeln hatte sie keine und mit bösen Worten beschimpfen,
mochte sie auch niemanden. Und das sollte von jetzt an so bleiben.
Denn ihr wurde etwas klar. Sie wollte nämlich nicht so werden, wie ihre
Mutter. Sie wollte es besser machen.

Als es klingelte und die Schule aus war, wartete Grit draussen vor der
Türe auf das Mädchen, das vor ihr sass. Das Mädchen, das ihr das
Tagebuch geschenkt hatte. Das Tagebuch, das so viel ausgelöst
hatte in ihr.

"Wollen wir gemeinsam Schulaufgaben machen?", fragte Grit, als das
Mädchen endlich kam.

Von nun an, machten sie immer gemeinsam Schulaufgaben, und noch
viel viel mehr machten sie gemeinsam. Sie waren jetzt Freundinnen.


- © geschrieben von Monika Minder, 2011 -



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